Abbildung 1. Trester gepresster Trauben, Dikili Tash (Philippi, Kavala), 4.300 v. Chr. Abbildung von S. M. Valamoti 2023.
Soultana-Maria Valamoti, Professor, School of History and Archaeology, Aristotle University of Thessaloniki
Mit dem Erscheinen der ersten neolithischen Dörfer im 7. Jahrtausend v. Chr. tauchen in den archäologischen Fundstätten Griechenlands auch Überreste von Weinreben sowie verkohlte „Gigarta“ (Traubenkerne) auf. Bei archäobotanischen Untersuchungen wurden die ältesten Weinreste Europas aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrtausends v. Chr. in Nordgriechenland entdeckt. In der Siedlung Dikili Tash unweit von Philippi in der Gemeinde Kavala wurden in einem Haus, das um 4.300 v. Chr. niederbrannte, Tausende verkohlte Traubenkerne sowie Trester, also zertretene Trauben, gefunden. Durch chemische Analysen der Gefäße sowie Funde kleiner Keramikbecher konnte die Praxis der Weinherstellung und des Weinkonsums vor 6.300 Jahren belegt werden. Später wurden ähnliche Funde aus der Bronzezeit in Messenien und Kreta gemacht. Es ist also nicht verwunderlich, dass Dionysos, der Gott des Weines, der viele verschiedene Heimatländer zählt, in Griechenland geboren wurde. Sein Name wird auf den Tafeln der Linearschrift B erwähnt, und seine Gaben, der Weinstock und der Wein, sind darauf mit separaten Ideogrammen verzeichnet. Wein war in der mykenischen Gesellschaft ein sehr wichtiges Produkt, dessen Handel auf den Tafeln der Palastzentren verzeichnet wurde. Tatsächlich wurde im Palast des Nestor in Pylos ein Raum mit Amphoren entdeckt, die das Ideogramm für Wein tragen. Die Bedeutung des Weins im rituellen Kontext geht auch aus der Tatsache hervor, dass der Name Dionysos, des Gottes des Weinstocks und des Weins im antiken Griechenland, auf den Linear-B-Tafeln auftaucht; seine Verehrung scheint also Teil der mykenischen Religion gewesen zu sein. Auch in archäologischen Funden aus den darauffolgenden Jahren beobachtete man eine starke Präsenz archäobotanischer Überreste des Weinstocks sowie Hinweise auf die Weinherstellung. Zudem gibt es in der antiken Vasenmalerei zahlreiche dionysische Darstellungen, die den Gott zusammen mit seinem Gefolge bei Ritualen sowie bei der Weinherstellung zeigen, beispielsweise beim Keltern der Trauben. Darüber hinaus wurden Gefäße für die Zubereitung, das Servieren und den Konsum von Wein aus der griechischen Welt und darüber hinaus gefunden – was zeigt, wie beliebt der Weinkonsum in den mediterranen Gesellschaften der Antike war.
Der Weinbau und die Weinherstellung verbreiteten sich im 1. Jahrtausend v. Chr. durch die griechischen Kolonien, die im westlichen Mittelmeerraum gegründet wurden, in Städten wie Marseille in Südfrankreich. Heute haben sich die Gaben des Weingottes Dionysos aus der antiken griechischen Zwölfgötter-Welt auf dem ganzen Planeten verbreitet – oder zumindest überall dort, wo sich Klima und Boden für den Weinbau eignen.





