Beitrag von Angeliki Giannakidou, Gründerin und Vorstandsvorsitzende des Ethnologischen Museums von Thrakien

Man kann durchaus sagen, dass unsere Nahrung und Ernährung heute, im Jahr 2025, im Mittelpunkt einer weitreichenden Krise stehen, die aus einer kulturellen Krise hervorgegangen ist und sowohl klimatische, als auch ökologische und soziale Faktoren umfasst.
Unsere technokratische Sichtweise und unser Ansatz an die Produktion von Lebensmitteln scheinen nicht nur keine Lösung für unsere Ernährungssicherheit zu bieten, sondern sogar die Ernährungsunsicherheit zu verstärken. Diese Krise offenbart die Notwendigkeit, unsere Beziehung zur Natur neu zu überdenken und die Interdependenz anstelle unserer dominanten Rolle zu ihrer Grundlage zu machen. Ziel muss es sein, mit der Zyklizität der Zeit in Einklang zu kommen und die Kraft der Gemeinschaft wiederzuentdecken – denn ohne kollektive Verantwortung kann man Herausforderungen wie Ertraglosigkeit, Krankheiten und Chaos nicht bewältigen. Der Code, der uns mit der Erde, dem Kreislauf der Zeit (Tod–Wiedergeburt, Winter–Frühling) und der Gemeinschaft verbindet, ist unsere Nahrung.


Unsere Nahrung und Ernährung sind Träger kultureller Erinnerungen: Techniken werden bewahrt und soziale Bindungen gestärkt. Wir denken mit Nostalgie an Anlässe für gemeinsames Kochen und gemeinschaftliche Feste zurück, denn unser Gehirn verknüpft Geschmack und Emotionen auf unmittelbare Weise.
Im Mittelpunkt steht das Grundbedürfnis des Menschen, nicht nur zu überleben, sondern zu leben: Nahrung muss den kollektiven Magen füllen, ehe sie den kollektiven Geist füttern kann – um den kulturmaterialistischen Ansatz des Anthropologen Marvin Harris und die strukturale Anthropologie von Claude Levi-Strauss zusammenzuführen.
Diese verdichtete Geschichte der Traditionen ist ein Fundus religiöser und kultureller Vorstellungen, der Grenzen und Identitäten sowie Geschichten der Kameradschaft und des Wohlbefindens von den Zeiten Homers bis in unsere Tage.

Selbst heute, im Zeitalter der künstlichen Intelligenz, gehen kirchliche Rituale zu Herren- und Marienfesten Hand in Hand mit traditionellen Bräuchen und Praktiken aus verschiedenen historischen Epochen; diese wiederum bringen seit jeher die Sorge der Bauern um ein gutes Jahr zum Ausdruck, um die Erträge der Erde zu sichern.

Bei allen rituellen Mahlzeiten und familiären oder gemeinschaftlichen Zusammenkünften, die zu unserem liturgischen Kalender gehören, nimmt das Essen mit seiner symbolischen Bedeutung einen zentralen Platz ein.
Dies gilt in Thrakien insbesondere zu Weihnachten.

Im Mittelpunkt der weihnachtlichen Festtafel stehen das Christbrot, die Christkuchen und die Weihnachtskringel, die mit Kreuzen und Sternen verziert sind und auf einer Seite offen gelassen werden, damit das Gute Eintritt findet. Darüber hinaus gibt es verschiedenes Honiggebäck, in Honig eingelegte „Milines“ (Pasteten) sowie „Katachysmata” mit Granatapfelkernen, Striftopites für das Fasten, Saragli, aber auch Sarmas mit Kohl, die gewickelt sind und symbolisch auf Christus verweisen, das „in Windeln gewickelte“ Kind. All diese Gerichte werden sorgfältig vorbereitet und tragen eine große Symbolik, um ein gutes Jahr und die Fruchtbarkeit der Erde sowie der Menschen zu erbitten.

Zu den interessantesten Bräuchen der zwölf Weihnachtstage in Thrakien gehören die traditionellen griechischen Feste der Schweineschlachtung „Gourounochara“ oder „Chirosfagia“. Die Nutztiere werden das gesamte ganze Jahr über mit großer Sorgfalt aufgezogen, um schließlich im Winter geschlachtet und verzehrt zu werden, wobei das Töten des Tiers durch ein Ritual begleitet wird.


Traditionell werden in Thrakien an Heiligabend neun Speisen gegessen – ein Brauch, der sowohl auf familiärer als auch auf gemeinschaftlicher Ebene bis heute Bestand hat. Die Heiligkeit des Mahls wird durch rituelle Praktiken sowie die Symbolik der Zahl Neun verstärkt, die auf die neun Monate der Schwangerschaft der Jungfrau Maria verweist. Mit diesen bedeutungsvollen Symbolen bringt die Gemeinschaft Respekt, Ehrfurcht, Hoffnung, Mangel und Erwartung zum Ausdruck.


Heute sind diese Zeichen nicht verloren gegangen, haben jedoch ihre Form geändert. Die Symbolik kommt auch im traditionellen Neujahrskuchen zum Ausdruck. Die „Vasilopita“ ist in Thrakien eine gedrehte Käsepastete, in die anstelle der in anderen Teilen Griechenlands üblichen Glücksmünze verschiedene glückbringende „Zeichen” gelegt werden.

So beispielsweise ein Geldstück für Stärke und Gesundheit, Kohle für die Rinder, Stroh für die Schafe, oder auch andere, der landwirtschaftlichen Tätigkeit der Familie entsprechende Symbole. Dabei werden so viele Zeichen verwendet, wie die Familie Mitglieder hat. Das Ritual will es, dass die Kuchenstücke vom Familienoberhaupt verteilt werden. Doch auch wenn auf diese Weise jedem Mitglied der Familie ein bestimmtes Zeichen zufällt, wird dessen Symbolik nicht als individuelle Verantwortung, sondern vielmehr als gemeinsame Aufgabe verstanden. Und wenn der Schutz der Ernte oder des Viehs im darauffolgenden Jahr erfolgreich war, dann stärkt dies den Glauben an die glückbringende Kraft.

Die thrakische Vasilopita symbolisiert und verdeutlicht unsere kollektive Verantwortung für die Bewältigung der sozial-ökologischen Krisen und die Entwicklung unseres Landes, für die jeder einen Teil der Verantwortung trägt.